Wissenschaft und Wirtschaft

Corona verändert die Einstellung zur Wissenschaft – Unternehmen können davon nur profitieren

Von Benjamin Seifert und Margareta Wolf

Die aktuelle Krise hat das Zeug, das Zusammen­wirken von Wirtschaft und Wissenschaft grundlegend zu ändern. Wird diese Chance von Unternehmen richtig genutzt, kann sie bereits vorhandene Ansätze, die auf eine stärkere Nutzbarmachung der wissen­schaftlichen Forschung für die Innovations­fähigkeit der Wirtschaft setzen, beschleunigen.

Das Verhältnis von Wissenschaft und Wirtschaft ist im Wandel begriffen. Überlegungen zur gesell­schaftlichen Wissens­produktion führten schon zur Jahrtausend­wende zur populären Metapher der „Triple Helix“, bei der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik als drei zunehmend mit­einander verschränkte Bereiche verstanden werden, die nur in ihrer Wechsel­wirkung die Potenziale der Wissens­produktion entfalten können.

Aktuell erleben wir durch die Corona-Pandemie eine Konjunktur von Wissenschaft­lichkeit. Rationalität und die Erkenntnisse der Forschung haben plötzlich einen neuen Stellen­wert in unserem Alltag. Sinnfälligsten Ausdruck findet das in den öffentlichen Auftritten von Virologen und Epidemiologen, die mit ihrer Arbeit die Grundlage für politische Entscheidungen legen. Eine ausgeprägte Fundierung in der Wissen­schaft gab es bereits bei der „Fridays for Future“-Bewegung, die bis vor kurzem die Schlagzeilen in den westlichen Industrie­nationen bestimmte. Ihr Credo „unite behind the science“ gibt die Richtung vor. Aus wissen­schaftlicher Erkenntnis wird so politische und gesellschaftliche Aktion.

Zusammenarbeit mit der Wissenschaft – ein lohnendes Risiko für Unternehmer

Klar ist: Wenn es eine fruchtbare Wechsel­wirkung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft geben soll, muss sie einen stärkeren Ausdruck finden als lediglich in der Etablierung eines selten tagenden wissen­schaftlichen Beirats. Was es braucht, ist ein konstanter Austausch auf Augenhöhe und eine Verschränkung zwischen der wirtschaft­lichen Tätigkeit des Unternehmens und der Perspektive der wissen­schaftlichen Forschung. Letztere muss dabei immer unabhängig sein und darf nicht einmal in den Verdacht geraten, dem Renommee eines Unternehmens zu dienen. Eine entsprechende Konstellation ist folglich für das Unternehmen immer mit einem Risiko verbunden. Eine selbst initiierte Zusammen­arbeit mit Experten und Forschern, durch die am Ende Entscheidungen der Unternehmens­führung in Frage gestellt oder ethische Aspekte aufgeworfen werden, kann beträchtlichen Reputations­schaden erzeugen. Gleichzeitig schafft aber nur diese Freiheit einen echten Mehrwert, der einem Unternehmen nützt, die richtigen Entschei­dungen zu treffen. Wissenschaftliche Unab­hängig­keit ist die Basis für eine erfolg­reiche Kommunikation des Unternehmens nach außen – gerade bei schwierigen Themen.

Neubewertung von Wissenschaft verändert Öffentlichkeit

Die gerade stattfindende gesell­schaftliche Neube­wertung von Wissenschaft nützt dabei insbesondere Branchen, die bisher häufig einen schweren Stand in der Debatte hatten. So konnte sich etwa die chemisch-pharmazeutische Industrie trotz fundierter wissen­schaftlicher Studien oft nur schwer gegen den öffentlichen Furor behaupten, der sich gegen eine auf gen­technischer Veränderung basierende Innovation richtete. Die wissenschaft­liche Fundierung des handelnden Unternehmens wurde im öffentlichen Diskurs von vornherein allzu oft als Gefällig­keits­gutachten abgetan.

Die Erfahrung zeigt dabei: Sobald ein Thema in der öffent­lichen Debatte eine negative emotionale Konnotierung erhalten hat, verbietet sich häufig eine intensive sachliche Debatte über Für und Wider entsprechender Innovationen. Einer verfestigten öffentlichen Meinung ist im Nachhinein kaum beizukommen – umso wichtiger ist es, ihrem Entstehen durch die Schaffung von ernsthafter und ernst­zunehmender wissenschaft­licher Reputation von vorn­herein entgegenzutreten.

Austausch von Wirtschaft und Wissenschaft braucht Räume

Was für viele Menschen heute wie selbst­verständlich zum Alltag gehört, begann einst in den Köpfen visionärer Denker und Firmen­gründer. Sie hatten Ideen, die später ganze Märkte tiefgreifend verändern sollten – und alte Technologien über­flüssig machten. Die Fachwelt spricht dabei von Sprung- oder „disruptiven“ Innovationen. Deutschland ist ein Innovations­land: Es ist stark in Wissenschaft und Forschung. Es verbessert stetig seine Technologien, Produkte und Dienst­leistungen. Es ist Europameister bei Patent­anmeldungen und behauptet sich im interna­tionalen Wettbewerb. Damit das auch in Zukunft so bleibt, muss Deutschland alle Potenziale ausschöpfen und auf dem Weg von der Idee zum innovativen Produkt noch schneller werden.

Wichtige Ansätze sind bereits vorhanden. So gibt es mit der „Agentur für Sprung­innovationen“ seit 2019 eine öffentlich geförderte Einrichtung, die gezielt hoch­innovative Ansätze fördert und die Verknüpfung zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik unterstützt. Gleiches gilt für das zu Jahres­beginn gestartete Programm der Bundes­regierung, durch das in erster Linie kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) mit einem besonders innovativen Forschungs­ansatz unterstützt werden. Solche Ansätze „von oben“ sind ausgesprochen wichtig für eine stärkere Verknüpfung von Forschung und Markt. Diese muss aber zum Common Sense werden und noch stärker von den Unternehmen selbst initiiert und befördert werden. Nur so wird sich der Innovations­standort Deutschland im internationalen Wett­bewerb im Post-Corona-Zeitalter behaupten. Forschungs- und Entwicklungs­arbeiten mit Innovations­potenzial und Forschungs­ansätze, die das Zeug haben, bisherige Geschäfts­modelle durch komplett neue zu ersetzen, müssen zügig ihren Weg zur Marktreife finden.

Wirtschaft muss Vernetzung selbst fördern

Voraussetzung dafür sind Strategien, die auf einen Dialog zwischen Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft abzielen. Es braucht gemeinsame Bühnen. Die wissen­schaft­liche Fundierung unter­nehmerischen Handelns wird immer mehr zu einer Schlüssel­aufgabe des Managements – und zu einer notwendigen Bedingung für die Akzeptanz vor allem von nachhaltig agierenden Investoren. Ein zentraler Ansatz sind hier thematisch zugespitzte Vernetzungs­plattformen, die von der Wirtschaft – einzelnen Unternehmen oder Branchen­verbänden – ins Leben gerufen werden. Hier tauschen sich Experten aus Forschungs­instituten, Unternehmen, NGOs, der Start-up-Szene sowie Forschungs- und Wirtschafts­politiker mit Hilfe einer externen Moderation aus. Es geht darum, gemeinsame Frage­stellungen zu diskutieren und Projekte und Ansätze für eine Kooperation zu identifizieren. Denn nur durch den konstanten Austausch aller Akteure können die Reibungs­verluste bei hochinnovativen Ideen begrenzt und gleichzeitig kann der Marktzugang für Ergebnisse aus der Forschung beschleunigt werden. Das kann allerdings nur funktionieren, wenn der Dialog der Partner – wie eingangs beschrieben – auf Augenhöhe stattfindet.

Nehmen wir den Gedanken der Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft ernst, kann Deutschland seinen bestehenden Vorteil als innovativer Global Player halten und ausbauen.


Lesen Sie hierzu auch den Beitrag „Eine neue Kultur des gegenseitigen Verstehens – Wie die Corona-Krise das Verhältnis von Staat, Wirtschaft und Wissenschaft verändert“.


Dr. Benjamin Seifert ist seit 1. April 2020 Managing Director bei Deekeling Arndt/AMO und Leiter des Berliner Standorts. Er bringt langjährige Erfahrung als Kommunikator in Bundes­ministerien sowie im SPD-Parteivorstand und der SPD-Fraktion mit. Margareta Wolf gehört seit vielen Jahren unserem Senior-Advisor-Kreis an. Davor war sie 13 Jahre Mitglied des Deutschen Bundes­tages und dort in verschiedenen Ämtern tätig, u. a. als wirtschafts­politische Sprecherin im Fraktionsvorstand von Bündnis 90/Die Grünen und als Parlamentarische Staats­sekretärin.