Kapitalmarktkommunikation

Deutschland befreit sich Schritt für Schritt aus dem Lockdown. BMWi und Bundesbank sehen den wirtschaftlichen Tiefpunkt überschritten. Die Infektions­zahlen bleiben aktuell niedrig, während in anderen Ländern wie den USA oder Brasilien die Zahlen wieder drastisch ansteigen. Hier­zulande sind die Innen­städte, die Läden und Restaurants wieder gefüllt und viele Menschen freuen sich darauf, nun doch ihren Sommer­urlaub antreten zu können. Doch der wirtschaft­liche Ausblick bleibt trüb. Das zeigt der Blick auf die Unternehmens­prognosen im laufenden Geschäfts­jahr.

Die Fußgänger­zonen sind zwar wieder voll, der Konsumklima­index liegt aber nach wie vor deutlich unter Vorjahres­niveau. Im Kleinen ein Zeichen, was den Konzernen zu schaffen macht. Denn der Blick auf die DAX 30-Konzerne verrät, dass sich die Wirtschaft nicht so schnell erholt.

62 % der DAX-Unternehmen haben ihre Prognosen kassiert oder reduziert

Von den 30 DAX-Unternehmen – Wirecard aufgrund der aktuellen Situation ausgenommen – haben elf Konzerne ihre Prognose zurückgenommen, und zwar ohne einen neuen Forecast auszugeben. Das sind 38 % der Unternehmen. Die Gründe liegen auf der Hand: Der Markt spürt die Unsicher­heiten, Planungen können kaum realistisch vorgenommen werden, der Wieder­aufbau der Liefer­ketten kostet Zeit. Der deutsche Außenhandels­überschuss wird wohl um 75 % zurückgehen. Wie die F.A.Z. Mitte Juli nach Analysen der EQS Group berichtete, ist die gestiegene Anzahl der Ad-hoc-Meldungen der 30 DAX-Unternehmen ein weiterer Indikator: Diese haben sich vom ersten zum zweiten Quartal fast verdoppelt – von 24 auf 46 Meldungen.

Keine Prognose auszusprechen, ist nicht nur absolut unüblich, sondern entspricht vor allem auch nicht der Gesetz­gebung. Denn nach § 289 Abs. 1 Satz 4 HGB ist die voraus­sichtliche Entwicklung des Unternehmens zu beurteilen und zu erläutern. In den deutschen Rechnungs­legungs­standards (DRS) wird jedoch auch fest­gehalten, dass aufgrund großer gesamt­wirtschaft­licher Rahmen­bedingungen die Anforderungen an den Prognose­bericht eines Unternehmens reduziert werden können. Dies ist sicher auf die derzeitige Situation anwendbar. Nichts­destotrotz bleibt eine reduzierte Prognose Pflicht. Darum ist es umso erstaunlicher, dass elf Unternehmen bisher keine neue Prognose ausgesprochen haben – und es unterstreicht letztlich das Außer­gewöhnliche der Situation.

Weitere sieben Unternehmen (24 %) haben ihre Prognose gesenkt. Hierbei haben einzelne Unternehmen genauere Zahlen genannt, andere haben gemäß DRS-Vorgaben einen reduzierten – vageren – Forecast ausgesprochen. Elf Konzerne, also 38 % der Unternehmen, haben jedoch auch ihre Prognose bestätigt. Es überrascht dabei aber nicht, dass es sich hierbei vornehmlich um Unternehmen aus Branchen handelt, die von der aktuellen Krise weniger als andere betroffen sind: Energie, Immobilien und Healthcare. Im Ganzen betrachtet ist der DAX also zweigeteilt. Die Kurs­entwicklung des DAX suggeriert dabei etwas anderes: Denn nach den enormen corona­bedingten Einbrüchen von rund 40 % im März, befindet sich der Leitindex nun im Juli 2020 wieder auf dem Niveau des Sommers 2019. Es steht also zu befürchten, dass die Aktien­indizes derzeit deutlich mehr Optimismus zeigen als realwirt­schaftlich berechtigt ist.

Und dennoch halten die Unternehmen an ihren Dividenden fest

Bedenkt man, dass 62 % der DAX-Konzerne ihre Prognose für das laufende Geschäfts­jahr zurückgenommen oder gesenkt haben, wirkt es fast verwunderlich, dass die über­wiegende Mehrheit der Unternehmen an ihren Dividenden für das zurück­liegende Geschäfts­jahr festgehalten haben. Begründet wird das vornehmlich mit den guten Ergebnissen des vergangenen Berichts­zeitraums. Angesichts der unsicheren Zukunft und des meist schlechter laufenden aktuellen Jahres werden jedoch zunehmend Stimmen laut, die fordern, das Kapital im Unternehmen zu lassen und als Polster für kommende Krisen­situationen zu nutzen.

Letztlich haben nur drei Unternehmen ihre Dividenden­zahlung für das Jahr 2019 ausgesetzt: Adidas, Deutsche Bank und MTU Aero Engines. Und sie haben das auch gleich für das laufende Jahr 2020 angekündigt. Fairer­weise muss zur Deutschen Bank ergänzt werden, dass sie bereits im vergangenen Jahr ihre Dividenden­aussetzung im Rahmen ihrer angekündigten Transformation bekanntgegeben hatte, es also in keinerlei Zusammen­hang mit der Corona-Krise steht. Weitere drei Unternehmen haben ihre Dividenden 2019 gesenkt.

Insgesamt sanken die Dividenden­ausschüttungen im DAX für das Jahr 2019 lediglich um 10 %, sie beliefen sich immer noch auf 34,5 Mrd. Euro. Die Allianz schüttete mit 4 Mrd. Euro am meisten aus, gefolgt von Volkswagen mit geplanten 3,3 Mrd. Euro und Siemens mit 3,1 Mrd. Euro. Die Ausschüttungen in Deutschland bleiben damit stabiler als im europäischen Vergleich. Allerdings erwarten Experten auch, dass die Dividenden für 2020 im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 11 % sinken werden, sie würden damit das Niveau von 2016 erreichen.  

Wenn Sie Fragen oder Interesse am Thema haben, kontaktieren Sie gerne Volker Heck oder Daniela Münster.

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