Politische Kommunikation

Von Benjamin Seifert

Politische Sprache hat sich angesichts der Krise in kurzer Zeit verändert. Sie folgt dabei einem gesell­schaftlichen Bedürfnis nach Unaufgeregt­heit, Pragmatismus und Führung. Aus dieser Beobachtung lassen sich auch Lehren für die interne und externe Unternehmens­kommunikation ziehen – in Zeiten von Corona und darüber hinaus.

Der Staat und weite Teile der Gesellschaft folgen momentan den Handlungs­empfehlungen der Wissenschaft. Nicht die Politik oder Medien haben aktuell die Deutungs­hoheit, sondern Virologen. Auch die Aufmerksam­keit der Öffentlich­keit verschiebt sich: Nicht derjenige, der am stärksten zuspitzt oder die gewagteste These aufstellt, bekommt die meiste Reich­weite, sondern anders­herum: Das bedachte Erklären, das Aufzeigen von möglichen Szenarien und auch das Eingeständnis der eigenen Unwissen­heit sind nun Teil der täg­lichen Nachrichten. Das bekannteste Format dürfte der Podcast des NDR mit dem Virologen Christian Drosten sein, der bereits mehr als 15 Millionen Mal abgerufen wurde.

Der Ausbruch einer globalen Pandemie mit rasanten Infektions­raten ist für unsere Gesellschaft ein gänzlich unbekanntes Ereignis. Maß­nahmen dagegen können sich deshalb nur sehr bedingt auf Erfahrungs­werte stützen. Es braucht eine wissenschafts­basierte Herangehens­weise, um politische Maßnahmen zu entwickeln. Folglich wird auch die rationale Sprache der Wissen­schaft vermehrt zur Sprache der Politik.

Das kommt denjenigen politischen Akteuren zugute, die sich in ihrer Kommunikation im Vergleich zu Vorkrisen­zeiten treu bleiben können. Das gilt für die Physikerin Angela Merkel, die mit eindring­lichen Worten an das Verantwortungs­bewusstsein der Bürger appelliert, ebenso wie für Olaf Scholz und Peter Altmaier, die wie selbst­verständlich Milliarden­bürgschaften des Staates für Unternehmen garantieren. Sie erscheinen in ihrer Rolle als vertrauens­würdig und kompetent, gerade wegen ihres nüchternen kommunikativen Auftretens, das in der Vergangen­heit gerne belächelt wurde. Diejenigen, die solche Fähig­keiten vor Corona nicht an den Tag gelegt haben, passen ihre Sprache angesichts der Bedrohungs­lage an. So wirkt ein Jens Spahn, der sich sonst als zupackender Macher inszenierte, der alle Aufgaben forsch gleich­zeitig anging, in den letzten Wochen zunehmend demütig, während er mit abwägenden Worten den Ernst der Lage betont.

Krise erfordert sprachliche Klarheit und Führung

Merkels Rede zur Lage der Nation wird als die eindrücklichste ihrer Kanzlerschaft stehen bleiben, gerade weil sie es darin glaub­würdig schafft, den Ernst der Bedrohung in aller Deutlichkeit zu schildern, ohne dabei alarmistisch zu wirken. Mit ihrem Appell an die Verant­wortung jedes Einzelnen schafft sie Nähe und gleich­zeitig ein Gefühl von Gemein­schaft. Der gesellschaftliche Wunsch nach Führung offenbart sich aber nicht allein im Verlangen nach klarer, schnörkel­loser Information und sachlicher Aufklärung. Das zeigt sich beispielhaft an der plötzlichen Konjunktur des bayrischen Minister­präsidenten Markus Söder. Mit klaren Worten verkündet er harte Maßnahmen, Ausgangs­sperren, Grenz­schließungen und weitere Einschränkungen der persön­lichen Freiheit. Er füllt dabei das Bedürfnis nach einem schützenden Staat, der Regeln zum Wohle aller aufstellt und auch durchsetzt.

Menschen wollen in Zeiten der Unsicherheit eine klare und nüchterne Sprache. Der Alltag jeder und jedes Einzelnen ist durch die unbekannte Bedrohung und die zusätz­lichen Belastungen im Berufs- und Privat­leben bereits derartig emotional aufgeladen, dass es keiner weiteren Dramatisierung oder Emotionali­sierung braucht. Ein gutes Beispiel hierfür sind die aktuellen Reich­weiten der öffentlich-rechtlichen Programme. Bei der Frage, welchen Medien in der Corona-Krise am meisten vertraut wird, führen sie mit 62 % mit weitem Abstand. (1) Die gute alte Tages­schau, nicht bekannt für Zuspitzung und Dramatisierung, erreicht zwischen­zeitlich über 17 Millionen Zuschauer – an einem Tag. (2) Ein klarer Hinweis, dass ihre doch recht unemotionale Biederkeit ein Informations­bedürfnis der Bevölkerungs­mehrheit erfüllt.

Zur beschriebenen schnörkellosen Kommunikation gehört allerdings auch, dass es keine Beschönigung der jeweils aktuellen Lage geben kann. Dies zeigt sich in den unter­schied­lichen Szenarien, die durch Politik und Wissenschaft öffentlich diskutiert werden. Die Unsicherheit dieser Modell­rechnungen nützt dabei, um politische Maßnahmen durchzusetzen. Eine Ausgangs- oder Kontakt­sperre wäre kaum durchsetzbar ohne die Furcht vor einem Zusammen­brechen des Gesundheits­systems und einem damit verbundenen Anstieg der Sterblich­keit. Vor diesem Hintergrund sind auch interne Papiere der Bundesregierung (Hammer and Dance) zu lesen, die neben moderaten Verläufen auch vernichtende Szenarien für Gesellschaft und Volks­wirtschaft mit aller Brutalität vorrechnen. (3)

Dass knapp 60 % der Deutschen mit dem Krisen­management der Bundes­regierung sehr zufrieden bzw. zufrieden sind, offenbart angesichts der Dramatik der Maßnahmen den Erfolg der damit einher­gehenden Kommunikation. (4)

Lehren für die Unternehmens­kommunikation

Aus dieser Beobachtung lassen sich Lehren für die interne und externe Unternehmens­kommunikation ziehen: Die Zeit der Krise ist nicht die Zeit für überschwäng­liches Pathos oder gekünstelte gesell­schaftliche Appelle. Weder Mitarbeiter noch Kunden haben darauf gewartet, angesichts einer für alle existenziellen Bedrohungs­lage von ihrem Arbeitgeber oder einem Wirtschafts­unternehmen zu Solidarität oder einem bestimmten Verhalten aufgefordert zu werden, so wie es gerade tausendfach in Firmen­newslettern geschieht. Unternehmen haben sich in der Krise in ihrem Handeln dem staatlichen Primat unterzuordnen, der Regeln aufstellt und durchsetzt. Dass diese Regeln auch bei den Bürgern ankommen, ist angesichts des oben beschriebenen Informations­interesses sichergestellt. Hier bedarf es keiner Wiederholung durch Dritte.

Vielmehr wird von Unternehmen konkretes Handeln eingefordert. Sei es bei Home­office-Regelungen, gelockerten Kern­arbeits­zeiten oder bezahlten Frei­stellungen, bis hin zur Umstellung der Produktion auf dringend benötigte Schutz­ausrüstung oder Desinfektions­mittel. Das Ganze wird aber von der Mehrheit der Bevölkerung als altruisti­scher Akt zum Wohle der Gemein­schaft schlicht erwartet. Als Strohfeuer zur Reputations­verbesserung taugt es nur bedingt. Zumal Unternehmen selbst ein vitales Interesse an einer raschen Über­windung der Krise haben. Andersherum wird unsolida­risches Verhalten mit aller Härte bestraft. Die Reaktion auf die Ankündigung erfolg­reicher Konzerne, Miet­zahlungen angesichts ein­brechender Ein­nahmen auszu­setzen, ist eine deut­liche Warnung, wie unsolida­risches Verhalten von einer medialen Öffentlich­keit bestraft wird.

Und nicht zuletzt erwarten die eigenen Mitarbeiter klare Informa­tionen über den Zustand des eigenen Unternehmens und die Sicherheit ihres Arbeits­platzes. Dazu gehört auch, eine schwierige Lage nicht zu beschönigen, sondern Szenarien aufzu­zeigen sowie die damit verbundenen unter­nehmerischen Ent­scheidungen. Dabei ist es keine Schande, das eigene Unwissen über die weitere Entwicklung zuzugeben.

(1) www.civey.com
(2) www.daserste.de
(3) www.sueddeutsche.de
(4) www.civey.com

 

Dr. Benjamin Seifert ist Managing Director bei Deekeling Arndt/AMO und Leiter des Berliner Standorts. Er bringt langjährige Erfahrung als Kommunikator in Bundesministerien sowie im SPD-Parteivorstand und der SPD-Fraktion mit.