Kapitalmarktkommunikation

Coronabedingt haben in diesem Jahr die meisten Haupt­versammlungen (HV) digital statt­gefunden. Hat die klassische Haupt­versammlung damit ihr Ende gefunden? Noch nicht. Denn dafür sind die bisher aufgetretenen Defizite einer reinen Digital-HV noch zu groß. Es ist aber ein großes Potenzial vorhanden.

Grundlage für virtuelle Haupt­versammlungen ist das Notfall­gesetz der Bundesregierung aus dem März 2020, das sowohl die Frist für die Abhaltung einer Haupt­versammlung von Ende August auf Ende Dezember verlängerte als auch erstmals die Möglich­keit bot, eine Haupt­versammlung nur digital stattfinden zu lassen. Zudem schuf das Gesetz die Möglichkeit, einen Teil der Dividende ohne Zustimmung der Haupt­versammlung als Vorab­dividende auszu­schütten.

Potenzial vorhanden, aber noch Luft nach oben

Mit der Einführung dieser Möglichkeit hat die klassische Haupt­versammlung sicher nicht ausgedient. Denn dafür sind die bisher aufgetretenen Defizite einer reinen Digital-HV noch zu groß: Hierzu zählen die eingeschränkten Frage- und Widerspruchs­möglichkeiten der Aktionäre während der HV. Eigentlich sollte dieses Problem lösbar sein, denn digitale Tools sind prädestiniert für eine funktionierende Inter­aktion zwischen Aufsichtsrat, Vorstand und Aktionariat. Dass es bislang noch nicht so richtig funktioniert hat, lag also weniger an der grund­sätzlichen Verfügbar­keit der Technik als vielmehr an den relativ kurzen Vorlaufzeiten für eine rechts­sichere Abwicklung. Verbesserungen sind aber möglich, zum Beispiel mit vorlaufenden virtuellen Diskussions­räumen oder Chat-Funktionen für Nachfragen.

Andererseits lassen sich auf Basis der durchgeführten Haupt­versammlungen auch positive Schlüsse ziehen: Die klassische HV in Deutschland, die seit der Aktienrechts­reform 1965 (!) relativ wenig Veränderungen erlebt hat, hat Staub angesetzt und ist mit hohen Kosten verbunden. Teilweise ermüdend lange Interventionen einiger Aktionäre sorgten für eine im inter­nationalen Vergleich sehr lange durchschnitt­liche Tagungsdauer, die zudem immer stärker von „räuberischen Aktionären“ genutzt wurde, um sich selber über Klagen zu vermeintlichen oder tatsächlichen Formfehlern Sonder­rechte zu verschaffen.

Durch die digitale Haupt­versammlung konnten nun erstmals viele internationale Anleger und Kleinsparer an einer HV teilnehmen. Angesichts der Tatsache, dass im Durchschnitt doppelt so viele Anleger bei DAX-Unternehmen aus dem Ausland kommen, ein durchaus bemerkenswerter Fortschritt.

Frischer Wind könnte für dauerhafte Digitalisierung sorgen

Der Gesetzgeber sollte also die Möglichkeit schaffen, die derzeit nur temporär zugelassenen Möglich­keiten zu einer digitalen HV dauerhaft zu nutzen und selbst einen vollständigen Verzicht auf die Präsenz-HV zuzulassen. Hierfür sprechen auch Kosten­argumente. Ein solches Vorgehen bedingt unzweifel­haft, dass dann auch die Möglich­keiten der Interaktion mit Aufsichts­rat und Vorstand deutlich verbessert und ausreichend Rede­rechte für die Aktionäre geschaffen werden. Die Unternehmen selbst können durch die Einrichtung von Internet­foren die HV sinnvoll ergänzen. Eine enge Einbindung der institu­tionellen Anleger sollte auch kein Problem sein. Sie sind es meist, die als „aktivistische“ Anleger den Finger in die Wunden legen und Korrekturen bei AR und Vorstand anmahnen.


Volker Heck und Daniela Münster haben in den vergangenen Monaten Unternehmen bei der Durchführung ihrer digitalen HV begleitet und stehen Ihnen gerne bei Fragen rund um das Thema zur Verfügung.

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